Deutschland digitalisiert seine Ämter – auf dem Papier. In der Praxis zeigt sich ein anderes Bild: E-Government-Angebote werden nicht genutzt, zu hoch ist die Sorge vor Bedienfehlern oder der Frust über komplizierte Prozesse. Doch gerade bei grundlegenden Vorgängen, wie dem Ausfüllen von amtlichen Formularen, könnte Künstliche Intelligenz Entlastung schaffen. Denn viele Bürger*innen tun sich beim Ausfüllen schwer und suchen Hilfe direkt im Amt. Die Folge ist ein hoher analoger Aufwand für die Ämter, der Personal bindet und Verfahren verlangsamt – ein Luxus, den knapp ausgestattete Kommunen sich kaum leisten können.
Mit genau dieser Problematik sah sich auch die Kommune Unterschleißheim bei München konfrontiert. Der Erste Bürgermeister und die Digitalisierungsbeauftragte suchten deshalb nach einem praktikablen digitalen Ausweg. Im Rahmen eines lokalen Hackathons ließen sie binnen 48 Stunden KI-basierte Lösungen für ihr Problem entwickeln. Wichtig waren ihnen dabei vor allem drei Punkte: verständliche Erläuterungen, Prüfung auf Vollständigkeit und Datenschutz.
Chatbot statt Formularwüste: Modellprojekt „Civic Forma”
So ist „Civic Forma” entstanden, ein KI-Assistent, der Nutzende per Dialog schrittweise durch die relevanten Felder eines Formulars führt – auch Rückfragen, von Verständnis- bis Fachfragen, kann der KI-Assistent beantworten. Am Ende prüft er das Formular auf Vollständigkeit und erstellt eine PDF-Version, die ausgedruckt, unterschrieben und eingereicht werden kann. Die technische Basis für „Civic Forma” bildet das Open-Source-KI-Modell Llama 3.3 von Meta. Der Vorteil: Das Modell lässt sich vollständig auf kommunaler Infrastruktur betreiben, was die Hoheit über sensible Daten sichert. Zudem ist das Modell mehrsprachig. Llama 3.3 wurde mit acht Sprachen trainiert und kann auch mit weiteren Sprachen umgehen, die nicht trainiert wurden. Für Anwender*innen heißt das: Wenn sie dem Chatbot Antworten in einer anderen Sprache geben, werden diese ins Deutsche übertragen und in das Formular übernommen – ein absoluter Pluspunkt in einem System, das Nicht-Muttersprachler*innen bislang wenig entgegenkommt.
Bei der weiteren Ausgestaltung von „Civic Forma” kristallisierte sich bald eine wichtige Erkenntnis heraus: Nicht die Technologie ist der Engpass, sondern deren Einbettung in kommunale Anforderungen. Datenschutz und Nutzerzentrierung sind Grundvoraussetzungen, ebenso wie die Integration in bestehende Systeme – beides gelingt mit offenen Modellen leichter, weil sie sich spezifisch anpassen lassen. Hinzu kommt die gesellschaftliche Akzeptanz. Skepsis gegenüber KI bei amtlichen Vorgängen ist weit verbreitet, insbesondere mit Blick auf Serverstandorte. Lokal gehostete Open-Source-Modelle bieten hier einen gangbaren Weg, Vertrauen und Compliance zu verbinden.
Ein weiterer Fokus lag auf der Barrierefreiheit. In der öffentlichen Verwaltung ist Barrierefreiheit kein Nice-to-have, sondern gesetzlicher und gesellschaftlicher Anspruch. „Civic Forma” wurde so in das bestehende System Unterschleißheims integriert, dass Screenreader die Website problemlos auslesen können. Die KI-Anwendung ist außerdem in der Lage, die Formulare in leichte Sprache zu übertragen, damit sie für noch mehr Menschen besser verständlich und nutzbar sind.
Eine Blaupause für die „letzte Meile” der Verwaltung
Das Entwicklerteam – bestehend aus Anshu Raj, Prashob Mathiyambath, Leander Ziehm und Mario Michael Heinrich von der Technischen Hochschule Deggendorf – hat mit „Civic Forma” mehr als ein Experiment vorgelegt: Die KI-Anwendung ist eine Blaupause für die letzte Meile der Digitalisierung. Sie nimmt die reale Praxis ernst, wahrt Datenhoheit und senkt Hürden für Bürger*innen. Dass das zugrundeliegende KI-Modell Llama 3.3 als frei verfügbare Open Source breit adaptiert werden kann, macht das Modell auch wirtschaftlich attraktiv – für Kommunen, die nicht noch eine Großlösung einkaufen, sondern bestehende Prozesse entlasten wollen.
Kommunen in ganz Deutschland können von diesem Projekt profitieren und es für sich adaptieren. So können bürokratische Aufwände weiter gesenkt und die Digitalisierung deutscher Ämter weiter vorangetrieben werden – ohne dabei die Sorgen und Bedürfnisse der Bürger*innen aus dem Blick zu verlieren. Vertiefende Einblicke in die Entwicklung von „Civic Forma” sowie die Erkenntnisse, die daraus gezogen wurden, gibt es im Papier „KI-gestützte Verwaltung – mit Llama zu mehr Bürgernähe” von Meta.
Für mehr Informationen steht das vollständige Papier hier zum Download bereit.